Über Blickkontakt in der Straßenfotografie
Der schmale Raum dazwischen - Blickkontakt ist kein Fehler
Sevilla während der Semana Santa ist kein Ort, den man einfach nur besucht. Es ist ein Zustand. Die Stadt hält den Atem an, Straßen füllen sich schon Stunden vor den Prozessionen, Menschen
warten, sitzen, stehen, lehnen an Mauern. Zeit dehnt sich. Und genau dort, in diesem gedehnten Dazwischen, beginnt für mich meine fotografische Reise ...
Ich bin nicht nach Sevilla gereist, um nur die Prozessionen zu fotografieren. Nicht die perfekt choreografierten Bewegungen, nicht die ikonischen Szenen, die man bereits tausendfach gesehen hat. Mich interessierten vielmehr die Menschen mit ihren Geschichten davor und drum herum. Die Wartenden. Die, die noch nichts „darstellen“. Oder vielleicht doch?
Sevilla |04|2026|
In Sevilla beginnen die Tage während der Semana Santa lange bevor sich die ersten Prozessionen in Bewegung setzen. Stunden vorher nehmen die Menschen die Straßen in Besitz. Sie kommen mit Klappstühlen, kleinen Taschen, oftmals mit ganzen Familienverbänden. Plätze werden markiert, freundlich verteidigt und auch weitergegeben. Wer hier steht, weiß was er macht und hat sich bewusst entschieden zu warten.
Es ist keine unruhige Erwartung, sondern eine ruhige, fast ritualisierte Form des Wartens. Man kennt den Ablauf, die Wege, die Zeiten. Und doch ist jeder Moment offen. Gespräche entstehen und verebben, Kinder spielen zwischen den Reihen, ältere Menschen beobachten still das Geschehen um sich herum. Es wird gegessen und getrunken, gelacht und diskutiert.
Diese frühe Präsenz ist Teil des Ereignisses selbst. Die Prozession beginnt nicht erst mit den ersten Schritten der Bruderschaften, sondern mit diesem kollektiven Ankommen. Mit dem Einrichten im Raum, dem Ausharren, dem gemeinsamen Teilen von Zeit.
Wer fotografiert, begegnet hier nicht nur Zuschauern, sondern Menschen, die sich bereits in eine Haltung begeben haben. Sie warten nicht einfach – sie sind schon Teil dessen, was kommen wird.
Der Augenkontakt in der Straßenfotografie
In der klassischen Straßenfotografie gilt Blickkontakt oft als Störung. Sobald dich jemand ansieht, ist der Moment vorbei. Die Unschuld der Szene ist verloren, das Bild „kontaminiert“. Also wegdrehen, weitergehen, neu suchen. Eine weit verbreitete Meinung.
Und natürlich ist das auch der Fall, wenn man den Augenblick verpasst!
Ich sage nicht, daß ich den Blickkontakt suche, doch ich meide ihn auch nicht.
Es gibt unter den Straßenfotografen* einige, die sich sogar sehr bewusst damit befasst haben!
Einer davon ist >>> Richard Sandler .
Wir alle kennen seine ikonischen Bilder der New Yorker Subway und ganz besonders dieses hier ... CC Train, aus dem Jahr 1986.
© Richard Sandler - CC Train; 1985
Was wäre das Bild, ohne diesen Blickkontakt ... der ja schon allein Bände spricht!
Ihr Blick geht direkt in die Kamera. Kein Lächeln, keine klare Emotion — eher ein prüfender, leicht verschlossener Ausdruck.
Es sind auch noch andere Figuren anwesend, doch das ist eher sekundär, wenngleich auch sie den Augenkontakt zur Kamera haben.
Das ist kein „gestohlener“ Moment mehr. Die Person weiß, dass sie gesehen wird. Und trotzdem ist es kein klassisches Porträt.
Nicht gestellt, nicht in Pose gebracht, candid!
Warum funktioniert es?
- Der Blick ist nicht aufgelöst – er beantwortet die Kamera nicht, er hält sie aus.
- Es gibt keine erkennbare Selbstinszenierung – keine Pose, kein „Ich zeige mich so“.
- Der Moment liegt genau zwischen Wahrnehmung und Reaktion.
Das ist entscheidend:
Du siehst nicht den Moment davor (Unbewusstheit), aber auch nicht den danach (Inszenierung). Du siehst die Schwelle.
In diesem "Zwischenraum" drücke ich auf den Auslöser!
In Sevilla suche ich diese Augenkontakte, die nicht geplant sind. Nicht gestellt. Nicht wiederholbar.
Während ich durch die Reihen gehe, entsteht jedes Bild im Sucher – komponiert aus Licht, Linien und Momenten. Und dann passiert es: Die Menschen bemerken mich. Für einen kurzen Augenblick treffen sich unsere Blicke. Direkt, ehrlich, ungefiltert.
Sevilla |04|2026|
Ich bleibe nicht unsichtbar, ich akzeptiere— oder provoziere fast den Moment, in dem die Menschen mich bemerken. Die Bilder kippen dann in etwas Ambivalentes: Nicht mehr rein „candid“, aber auch nicht inszeniert.
Genau dieser Zwischenzustand erzeugt Spannung, den will ich haben! Und ohne das sie es wissen und ich eingreife, bewilligen die Protagonisten mir diesen Wunsch ( wenn es klappt)!
Wenn Blickkontakt entsteht, wirkt er selten freundlich oder neutral — eher prüfend, irritiert, manchmal sogar abweisend oder wütend.
Das ist keine Störung des Bildes, sondern dessen Kern.
Kein neutraler Zustand.
In diesen Sekunden passiert etwas Entscheidendes. Der Mensch vor der Kamera versteht: Ich werde gesehen. Und dann kommt die Reaktion. Manche bleiben völlig bei sich, offen, ruhig, unverändert. Andere beginnen, sich minimal zu justieren – ein kaum merkliches Anheben des Kopfes, ein kontrollierter Gesichtsausdruck. Es ist kein bewusstes Posieren im klassischen Sinne, eher ein Übergang. Ein Moment, in dem das Innere nach außen verhandelt wird.
Und genau dort liegt die Grenze.
Wenn dieser Übergang zu weit geht, wenn aus Präsenz Inszenierung wird, verliert das Bild seine Spannung. Nicht, weil der Blickkontakt da ist, sondern weil die Person aufhört, einfach zu sein. Das Bild wird dann zu einer Antwort auf die Kamera – nicht mehr zu einem Zustand.
Gelingt es mir jedoch in diesem schmalen Korridor zu bleiben, entsteht etwas anderes. Kein „gestohlener“ Moment, sondern ein geteilter. Eine stille Übereinkunft: Ich sehe dich, und du lässt dich sehen.
Kein Posieren. Kein Eingreifen. Nur dieser eine echte Moment.
KLICK!
Sevilla |04|2026|
Nähe ohne Auflösung
Es ist mir bewußt, dass diese Form der Fotografie eine andere Haltung verlangt. Es geht weniger um Unsichtbarkeit und mehr um Verantwortung. Wenn ich den Blick erwidere, trete ich in eine Beziehung ein – auch wenn sie nur ein Bruchteil einer Sekunde dauert. Ich kann nicht mehr so tun, als wäre ich nicht da.
Das verändert auch die Bilder. Sie werden direkter. Manche würden vielleicht sagen konfrontativer ... ja, vielleicht.
Aber auch ehrlicher. Sie tragen eine andere Art von Spannung in sich – nicht die des Zufalls, sondern die der Begegnung.
Es sind diese Begegnungen am Rand der Prozession, die für mich die wichtigeren Geschichten erzählen.
Ich habe in Sevilla nicht versucht, Blickkontakt zu vermeiden. Ich habe versucht zu verstehen, wann er etwas hinzufügt und wann er etwas zerstört. Wann ein Mensch sich öffnet – und wann er beginnt, sich zu schützen.
Ich bin mit meinen 35/28mm** nah dran.
Physisch und visuell.
Aber diese Nähe führt nicht zu „Auflösung“ oder Intimität im klassischen Sinn (wie etwa bei >>> Diane Arbus).
Stattdessen bleibt eine Distanz bestehen — eine Art ungelöste Beziehung zwischen Fotograf und Motiv.
Trotz der Nähe, bleibe ich objektiver ( komponierender) Betrachter!
Sevilla |04|2026|
Am Ende geht es nicht darum, ob Blickkontakt „erlaubt“ ist oder nicht.
Diese Frage ist zu einfach. Die eigentliche Frage ist:
Welche Art von Bild will ich machen? Und bin ich bereit, die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen?
Die wartenden Menschen in Sevilla haben mir gezeigt, dass Fotografie nicht nur im richtigen Moment entsteht,
sondern auch in der richtigen Beziehung. Und manchmal beginnt diese Beziehung genau dann.
Löse ich in diesem Moment - in dem sich unsere Blicke treffen - aus, fotografiere ich nicht trotz des Blickkontakts, sondern wegen dieses Übergangs.
Denn genau in diesem Übergang sehr ich eine Magie. Kurz danach ist sie verschwunden, vorher ist sie noch nicht da!
Der Blickkontakt wird nicht isoliert, sondern im Gefüge verhandelt. Der direkte Blick einer Person erzeugt eine Spannungsachse
im Bild. Die anderen Figuren "ignorieren" diese Achse, dadurch ensteht die Reibung, die ich in meinen Bildern versuche zu suchen!
Wenn mir alles gelungen ist, wirkt das Bild wie ein System aus unterschiedlichen Bewusstseinszuständen.
Unbewusst - halb bewusst - voll bewusst ( der Blick in die Kamera).
Es ensteht ein kollektiver Zwischenraum - eine Gruppe, die sich gleichzeitig in verschiedenen Zuständen befindet und trotzdem
zusammengehörig sind ... oftmals ohne sich untereinander zu kennen!
Sevilla |04|2026|
Wann bleibt jemand bei sich – und wann beginnt er, sich zu zeigen?
Das ist die große Frage und als Fotograf muss ich da jedes Mal sehr wohl unterscheiden!
In Sevilla habe ich viele dieser Momente gesehen, aber nicht alle fotografiert.
Die Entscheidung, wann nicht auszulösen, ist hier genauso wichtig wie die, es zu tun.
Sevilla |04|2026|
Ich bewege mich mit diesem Unterwegssein an einer Schnittstelle zwischen
beobachteter Realität und bewusster Präsenz im Moment.
Sevilla |04|2026|
In meinen >>> Workshops mache ich häufig Vorübungen dafür, die in etwa in die gleiche Richtung gehen:
Werbeplakate mit in das Bild zu nehmen.
Wie auf wunderbare Weise, schauen die Modells der Plakate (fast) immer genau in die Kamera!
Ich weiß nicht, wie die Grafiker/Fotografen es machen, doch aus jeder Richtung blickend, habe ich mit meiner Kamera Blickkontakt.
Das machen wir uns zunutze, denn es ist nicht so ganz offensichtlich, daß die Protagonisten merken fotografiert zu werden.
Es macht die ganze Sache etwas einfacher, weniger komplexer und die Ergebnisse können sehr fein sein!
Sevilla |04|2026|
Danke für Dein Interesse und Deine Zeit
all credits: jfk
Diese und viele weitere Gedanken, begleiten Dich während meiner Workshops auf der Straße.
Meine 1:1 Teachings sind jederzeit vom Termin individuell buchbar und finden hauptsächlich in
Palma de Mallorca statt.
Auf Wunsch jedoch in jeder anderen Stadt und auch bei Dir zuhause. Wie das geht, steht hier
Bei meinen Gruppenworkshops in diesem Jahr, ist Bielefeld/Osnabrück ausgebucht.
In Paris sind nur noch 2 Plätze frei, während Palma de Mallorca ( mit >>> Heike Frielingsdorf)
und München noch Platz haben.
Zu den Terminen kommst Du hier >>>
** Ich fotografiere mit der Fujifilm X100V.
Eine APS-C-Kompaktkamera mit f/2-Objektiv und 23 mm Festbrennweite,
was in etwa einem 35-mm-Objektiv auf einem Vollformatsensor entspricht.
Manchmal arbeite ich lieber mit einer größeren Brennweite und
verwende die 0,8-fach-Weitwinkelkonverterlinse Fujifilm WCL-X100.
Sie wird an der Vorderseite der X100VI angebracht und erweitert die äquivalente Brennweite
von 35 mm auf 28 mm, ohne dass es zu erkennbaren Qualitätseinbußen kommt.
Gerade bei solchen Bildern, gibt mir das weitwinkligere mehr Möglichkeiten.
Es ist jedoch darauf zu achten, daß keine Verzerrungen enstehen ( besonders am Rand),
wenn man zu nah ist!
*Um die deutsche Sprache flüssig zu halten, wurde im Text die männliche Form gewählt,
nichtsdestoweniger bezieht sich die Anrede auf Angehörige aller geschlechtlichen Identitäten.
©jfk 2026










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Frank (Dienstag, 07 April 2026 23:07)
Hallo Jens,
jetzt habe ich eine Ahnung wie es wohl sein wird, was du machst in deinen Workshops. Und das ist etwas völlig neues für mich � Aber ich kann nur gewinnen und freu mich drauf �
Liebe Grüße
Frank